Justus von Liebig hat um 1840 etwas beobachtet, das jeder Gärtner kennt und fast kein Geschäftsführer.
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Eine Pflanze wächst nicht, wenn man ihr von allem mehr gibt. Sie wächst so weit, wie der knappste Stoff es zulässt. Fehlt Stickstoff, hilft alles Wasser der Welt nichts. Liebig nannte den knappsten Stoff den Minimumfaktor. Man kann das übrige Düngen einstellen, es passiert nichts, bis der eine fehlende Stoff kommt.
Später hat jemand daraus ein Bild gemacht: ein Fass aus Dauben unterschiedlicher Länge. Es fasst genau so viel, wie die kürzeste Daube hoch ist. Alle anderen Dauben zu verlängern ist Arbeit ohne Wirkung.
Ich treffe in den Betrieben immer wieder auf dasselbe Fass. Der Geschäftsführer hat sieben Baustellen und arbeitet an allen. Neue Software, neuer Vertriebsleiter, Prozesse verschlankt, Marketing aufgefrischt, ein Programm für die Führungskräfte. Jede Maßnahme für sich ist vernünftig. Und der Betrieb wächst nicht, weil keine davon die kurze Daube ist.
Das Bittere daran: Die kurze Daube ist meistens die, die niemand anfassen will. Sie ist unangenehm, oft sitzt sie bei Menschen, nicht bei Prozessen. Deshalb wird sie umgangen, und man verlängert lieber die Dauben, an denen sich gefahrlos arbeiten lässt. Das fühlt sich nach Fortschritt an. Das Fass bleibt so voll wie vorher.
Liebig hat noch etwas gesehen, das seltener zitiert wird. Sobald der knappste Stoff ergänzt ist, wird ein anderer zum knappsten. Der Engpass wandert. Wer ihn einmal gelöst hat, hat nicht Ruhe, sondern steht vor dem nächsten Engpass. Das ist kein Scheitern, das ist der Mechanismus, nach dem lebendige Systeme wachsen. Ein Unternehmer, der das begreift, hört auf, überall zu gießen. Er sucht die kurze Daube, verlängert sie, und sucht die nächste.
Meine Frage für diese Woche: Welche Ihrer sieben Baustellen ist die kurze Daube? Und woran merken Sie, dass Sie um sie herumarbeiten?
Ich lese jede Antwort.
Angela
